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“Die versunkene Stadt Z”: eine Expedition auf der Suche nach einer Utopie.

James Grays “Die versunkene Stadt Z” ist klassisches Abenteuerkino von weißen Männern über weiße Männer. Und doch so viel mehr.

Filmkritik von Philipp Stadelmaier

Noch auf den blutigen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, inmitten von Schlamm und Stacheldraht, hat Percy Fawcett (Charlie Hunnam) stets eine kleine Zeichnung seines Paradieses bei sich. Eine Krakelei, angefertigt aus der Erinnerung, von einem verwunschenen Ort auf einem anderen Kontinent, den er vor vielen Jahren entdeckt hat und dann schnell wieder verlassen musste. Er würde so gern wieder dorthin zurückkehren. Aber dann kommt der Krieg dazwischen. Nach einem von vielen sinnlosen Angriffen liegt Fawcett verwundet im Niemandsland, die Zeichnung hängt zerrissen im Stacheldraht. Aber in seiner Vorstellung lebt das Bild weiter, ist dort unauslöschlich eingebrannt.

Der Ort seiner Sehnsucht liegt im tiefsten Amazonas. Viele Jahre vor dem Schlachten in Europa ist Fawcett, britischer Offizier seiner Majestät, das erste Mal dorthin aufgebrochen. Sein damaliger Auftrag: ein unerforschtes Territorium zu kartografieren. Der Mann lässt Frau und Kind in England zurück und macht sich mit seinem Assistenten (Robert Pattinson) über den Ozean zu einem großen Abenteuer auf. Mit einer kleinen Besatzung dringt er auf einem winzigen Floß in den Dschungel vor. Hunger, Moskitos, Piranhas und der Pfeilhagel der Indianer machen die Reise zur Hölle. Aber die Mühe lohnt sich, nach vielen Torturen gelangen sie an die Quelle des zu vermessenden Flusses. Während sie gerade ihre Arbeit erfolgreich beenden und letzte Messungen vornehmen, entdeckt Fawcett zufälligerweise etwas, was ihn nie wieder loslassen wird: Keramiken, fast verblasste Götzenbilder, Ruinen. Hinweise auf ein längst untergegangenes Eldorado im Dschungel, auf eine uralte, unbekannte Zivilisation. Aber für weitere Untersuchungen bleibt keine Zeit mehr.

Fawcett gibt dem Ort einen klingenden Namen: “Die versunkene Stadt Z”. Die Suche nach ihr wird zu seiner Obsession, seinem Lebensinhalt. Zurück in England organisiert er eine zweite Expedition, besser ausgerüstet, mit mehr Männern. Wieder arbeiten sie sich durch den Dschungel vor. Bald sind sie fast am Ziel – und müssen doch wieder abbrechen: Einer der Männer hat das Unternehmen sabotiert und alle Vorräte vergiftet. Fawcett darf nur kurz vor den Artefakten verweilen, die er für Hinweise auf Z hält und muss sich erneut losreißen. Dann kommt der Krieg, erst Jahre später wird ihn sein Sohn zu einer letzten Reise überreden.

Die Fortsetzung der Kiffer-Komödie “Lammbock” ist eine Rauchersauna aus Selbstzitaten. Das Reboot der Trash-TV-Serie “Power Rangers” hingegen eine voll aufgedrehte Stereoanlage im Kinderzimmer.   Von den SZ-Filmkritikern

James Grays Film “Die versunkene Stadt Z” beruht auf David Granns gleichnamigem Sachbuch aus dem Jahr 2009, über den echten Percy Fawcett, der 1925 im Amazonas auf der Suche nach Z verschollen ist. Anlass für das Buch war ein spektakulärer Fund aus dem Jahr 2005, als der Archäologe Michael Heckenberger die Überreste jener Zivilisation entdeckte, von deren Existenz Fawcett überzeugt war und die sich ihm doch immer wieder entzog.

Was Gray aus Fawcetts lebenslanger Suche gemacht hat, ist wunderschön. Egal, ob im englischen Wäldchen oder im brasilianischen Dschungel: Die Äste und Blätter umranken die Einstellungen wie Zierrat, wie eine Garnitur, die das Bild für den Blick des Zuschauers “anrichtet”. Außerdem erzählt der Film, der ganz anachronistisch auf echtem Filmmaterial und nicht digital gedreht wurde, nicht nur von der Rückkehr an einen verborgenen Ort, sondern auch von einer Rückkehr zum alten Kino. Neben vielen klassischen Hollywood-Abenteuerfilmen denkt man vor allem an Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” und an die Abenteuer, die Klaus Kinski als Konquistador und Opernhausbauer in Werner Herzogs Dschungelritten “Aguirre” und “Fitzcarraldo” erlebte. Auch wird der cinephile Zuschauer vielleicht an Frank Capras “Lost Horizon” von 1937 denken, wo ein britischer Diplomat im Himalaja den sagenumwobenen Ort Shangri-La findet und wieder verliert, ohne dass man am Ende weiß, ob er es je wiederfinden wird. Wer außer Martin Scorsese macht im Jahr 2017 noch solche Filme, wer sucht heute sein Shangri -La noch immer im klassischen Kino? Eigentlich nur James Gray.

Das Kino, auf das der 47-Jährige sich beruft, ist vor allem klassisches Abenteuerkino, gemacht von weißen Männern über weiße Männer, den Entdeckern und Eroberern der Welt. Und dennoch entbehrt Grays Film jeglicher Nostalgie und macht deutlich, dass die Zeit der Vormachtstellung weißer Männer vorbei ist. Fawcetts Frau, die sich anfangs in ein Korsett zwängt, ist emanzipiert und abenteuerlustig und bleibt nur widerwillig zu Hause bei den Kindern. Im Dschungel schließt Fawcett dann Freundschaft mit den Indianern, die ihren Felderbau mit mathematischer Präzision betreiben. Wo der Wüterich Kinski bei Herzog auszog, um die Wildnis zu erobern, spielt Charlie Hunnam diesen Fawcett mit ruhiger, leiser, beinahe unterdrückter Stimme. Nur einmal wird er laut, wenn er im Plenum der britischen Royal Geographic Society mit belustigter Selbstsicherheit die greisen, eurozentrischen Honoratioren mit der Vorstellung verunsichert, es könnte im Amazonas eine indianische Zivilisation gegeben haben, die der westlichen überlegen gewesen sei.

Fawcett weiß: Das Fremde kann man nicht lärmend unterwerfen, sondern man muss sich seinem Geheimnis ruhig und entschieden hingeben. Bei Coppola posaunten Wagners infernalische Walküren, bei Herzog schmetterten italienische Tenore schwülstige Arien, Gray hingegen verwendet verträumte Ballettmusik von Ravel, “Daphnis et Chloé”. Z ist ein verwunschener Ort, von dem man schon beim Ankommen wieder fortgerissen wird, und folglich nicht einfach ein Ort im Dschungel, sondern auch ein intimer Ort in Fawcett selbst. Der Kern jener Sehnsucht, die jeder mit sich herumträgt und die sich nie auflöst, die ultimative, aber geheime Grundlage eines jeden Lebens.

Auf diese Art verbindet sich die Sehnsucht nach dem Fernsten mit der Sehnsucht nach dem Nächsten: mit der Familie. Wenngleich “Z” von ständigem Aufbruch geprägt ist, so brechen doch im fernen Amazonas die Bilder der Familie ein. “Ich könnte jetzt auch bei ihr sein”, beklagt sich Fawcett immer wieder bei seinen Mitstreitern. Immer schon war die Familie bei Gray eine fatale Tradition, der man nicht entkommen kann. Und doch hat Gray nie eine so schöne Form für dieses Thema gefunden. Am Schluss überredet Fawcetts ältester Sohn seinen Vater, gemeinsam eine weitere Expedition zu unternehmen. Die Bedeutung der Suche lässt sich allein an dieser Hingabe des Sohnes ermessen, der keine muffige und enge Tradition fortführt, sondern die Hingabe des Vaters ihrem Ziel zuführen will.

Im Krieg, der die westliche Zivilisation in der Barbarei versinken lässt, ist die Suche nach Z eine notwendige Utopie. Ein Paradies, aber auch ein Ort, an dem der Westen von sich selbst befreit werden kann. Hier wartet am Ende ein alter Indianer, der voller Mitleid in den Westlern arme, verwirrte Seelen erkennt, die von ihrem Leiden erlöst werden müssen.

The Lost City of Z, USA 2016. – Regie: James Gray. Buch: Gray, David Grann. Kamera: Darius Khondji. Mit Charlie Hunnam, Robert Pattinson, Sienna Miller, Tom Holland, Angus Macfadyen, Ian McDiarmid. Studiocanal, 141 Minuten.

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